"Die hohe Kunst der Meditation"

Die tiefgreifenderen Methoden der wahren Meditation setzen voraus, dass wir letztendlich alle vorgefertigten Ideen und Vorstellungen hinter uns lassen. Dann können wir das wirkliche Potenzial erfahren, das jenseits aller Konditionierungen, Bemühungen und Glaubenssätze, an denen wir festhalten, liegt.

Einer der grundlegendsten Beweggründe zu meditieren ist, eine Methode zu haben, die uns jenseits der üblichen Fixierungen unseres Verstandes bringt; dorthin, wo die Geheimnisse verborgen sind, die uns schließlich zu unserer Selbstbefreiung führen. Obwohl sie unter bestimmten Umständen durchaus hilfreich sein können, verhindern Affirmationen und Visualisierungen sehr häufig das Entdecken dieses Potenzials, indem sie das Unterscheidungsvermögen des Praktizierenden dazu verleiten, an bekannten Vorstellungen festzuhalten, die er entweder fürchtet oder sich wünscht. All diese Vorstellungen sind ein Produkt unserer angesammelten vergangenen Erfahrungen. Durch richtiges Meditieren erlangen wir schließlich die Fähigkeit, über all unsere begrenzenden Vorstellungen hinaus zu gelangen und das vergessene Königreich unseres "Höheren Selbst" zu betreten. Es sollte beachtet werden, dass in gewissem Maße Visualisierungen immer Teil der Meditation sind, ebenso wie das Erlernen eines reinen Hörens und Fühlens. Ohne das Benutzen unserer Sinne wäre überhaupt kein Fortschritt möglich. Die sensorischen Kräfte des Meditierenden sind notwendig für dessen Unterscheidungsfähigkeit und deshalb für nahezu jede andere Tätigkeit des Mind. Wenn wir richtig meditieren, werden die sensitiven Qualitäten unseres Mind allmählich verfeinert, indem wir unsere Fähigkeit zu unterscheiden immer mehr ausbilden. Mehr und mehr werden wir von gröberen Wahrnehmungen zu einem immer feineren Bewusstsein, bis hin zur kompletten Transzendenz geführt, die uns dann erlaubt, direkt ins Reich unseres reinen Selbst zu gelangen. Der Unterschied zwischen dieser verfeinerten sinnesorientierten Geisteshaltung und der Anstrengung der eingangs genannten Visualisierungsmethoden liegt in der Qualität und dem Maße von Unschuld und Empfänglichkeit. Eine unschuldige Empfänglichkeit ist absolut grundlegend für jede wahre Meditationspraktik. Mentale Anstrengung steht meistens im Gegensatz zur Unschuld. Wir strengen uns immer dann an, wenn wir eine Vorstellung davon haben, wie die Meditation verlaufen sollte oder wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungen gerichtet halten wollen.

Es ist sehr wichtig, Stärke, seelische Kraft und innere Disziplin nicht mit Anstrengung zu verwechseln. Stärke und innere Disziplin sind grundlegende Eigenschaften, die für das ernsthafte Praktizieren absolut notwendig sind, denn sie unterstützen und bekräftigen die empfängliche Natur der Unschuld. Im Gegensatz zu der Anstrengung, an bestimmten Affirmationen oder Visualisierungen festzuhalten, kontrollieren sie jedoch nicht und setzen dem, was sich durch die Meditation zeigen will, keinen Widerstand entgegen. Anstrengung während der Meditation ist immer das Bestreben, irgendeine Art von Kontrolle zu bewahren, um die von uns selbst gewählten Glaubenssätze zu bestätigen. Wir können sagen, die Grundhaltung von Unschuld lässt zu, d.h. sie erlaubt - im Gegensatz zur Anstrengung, die sich behaupten und durchsetzen will. Wenn wir unsere Unschuld nicht bewusst kultivieren, werden wir wenig Erfolg mit unseren Meditationspraktiken erzielen. Aufgrund unserer typischen Konditionierungen, die durch unsere fortwährenden mentalen Tendenzen gestärkt werden, benötigt die Qualität von Unschuld einen hinreichenden Grad an Disziplin, um ihre empfängliche Natur aufrecht zu erhalten. Wir erlangen die nötige Disziplin, indem wir eine beständige Achtsamkeit kultivieren, mit der wir den Kontrollmechanismen unseres konditionierten Mind, den typischen Ablenkungen des physischen Körpers und den Einflüssen der Umgebung begegnen. Zu diesem Zweck muss der Praktizierende lernen, eine klare Ausrichtung seiner seelischen Kraft und inneren Disziplin zu erlangen und zu pflegen. Diese Stärke ist die erste Ebene der Disziplin, die für jegliche erfolgreiche Entwicklung der Meditationspraktik nötig ist.

 

Ebenso ist es eine große Hilfe für das Studium der Meditation, sich eingehend mit der "Kunst des Mitgefühls" zu beschäftigen. In der Tat wohnt die Kunst des Mitgefühls auch im Herzen fast aller anderen spirituellen Übungen. Anders als die konditionierten Behauptungen von Mitleid und Empathie (ein vermutetes oder vorgestelltes Einfühlungsvermögen), teilt die Kunst des Mitgefühls kein Leid und identifiziert sich weder mit irgendwelchen Aspekten seelischer Läuterung noch mit irgendwelchen Emotionen, die während der Meditation hervorkommen könnten. Durch die Kunst des Mitgefühls schreiten wir durch die erste der erwähnten vier Ebenen der Meditationspraxis voran. Die erste Ebene der Meditation kann als "Achtsamkeit" bezeichnet werden. Achtsamkeit bleibt die grundlegende Strömung und Unterstützung für alle weiteren Fortschritte der Meditation. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die oben erwähnte Form der Achtsamkeit sich subtil von den meisten anderen weit verbreiteten Achtsamkeitspraktiken unterscheidet, die heutzutage in der Welt gelehrt werden. In den gewöhnlichen buddhistischen oder taoistischen Praktiken bedeutet Achtsamkeitsmeditation, dass der Mind aus allen potentiellen Erfahrungen denjenigen Eindrücken den Vorzug gibt, die auf der stillsten Ebene des Bewusstseins ruhen. Das Ziel liegt im Erreichen eines vollkommen neutralen und ausgeglichenen Bewusstseinszustands, in dem ausschließlich die Stille der absoluten Leere als Realität erfahren wird. Diese Formen der Meditation werden beständig geübt und entwickelt, um diese Art von Erfahrung zu machen.

 

Doch das Erfahren der Stille und der Leere ist in Wirklichkeit nicht der Endzustand, zu dem das Praktizieren der Achtsamkeit unser Bewusstsein führen kann. Es gibt auch einen kreativen Aspekt des Bewusstseins, der für immer eins ist mit dem grundlegenden Zustand des neutralen oder stillen Bewusstseins und folglich existiert auch ein wesentlicher Schöpfer/ eine wesentliche Schöpferin. Es ist sehr weise, diesen Aspekt mit in die Kunst der Meditation einzubeziehen. Die grundlegenste und ganzheitlichste Form der Achtsamkeit beinhaltet alle Aspekte des Bewusstseins. Sie schließt nichts aus und vermeidet keinen Aspekt von dem, was möglicherweise existiert oder nicht existiert. Um diese Form der Achtsamkeit zu pflegen, sollten wir sehr sorgfältig die Feinheit und Zartheit beachten, die unserem spirituellen Herzen innewohnen. Wenn das Herz und der Mind sich in Meditation verbinden, dann ist die eigentliche Grundlage für den spirituellen Weg geschaffen.

 

In der anfänglichen Praxis beruht wahres Mitgefühl vollkommen auf der aufrichtigen und unschuldigen Empfänglichkeit des Meditierenden. Aufrichtige Empfänglichkeit ist die demütige Bereitschaft, alle Möglichkeiten zuzulassen. Das ist ein idealer Ausgangspunkt. In Unschuld sind wir in einem Zustand von aufrichtigem und damit einhergehendem empfänglichem Bewusstsein. Damit diese Qualitäten ins Spiel kommen können, muss der Übende anfangs sein Bewusstsein dahingehend benutzen, aufmerksam und gegenwärtig gegenüber allem zu sein, was sich während der Meditation zeigen möchte, und gleichzeitig auf den vorgegebenen Fokus ausgerichtet bleiben. Mit anderen Worten muß der Praktizierende lernen, mit einer neutralen Grundeinstellung anzuerkennen, “was ist”, völlig gleichgültig, was sich ihm zeigt. Einhergehend mit diesem Anerkennen muss der Praktizierende unterscheiden und seine Aufmerksamkeit mühelos auf das Objekt oder den Fokus der Meditation ausgerichtet zu halten. In den meisten Achtsamkeitsübungen ist dieser Fokus anfänglich unser Atem. Zum Beispiel ist die Anweisung in der Meditation, das Bewusstsein mühelos auf den Atem zu richten. Zwangsläufig treten während der Meditation Gedanken, Emotionen oder irgendwelche Unbehaglichkeiten auf. Im Idealfall erkennt der Übende diese Ablenkungen ohne Vorurteil an, ohne Widerstand oder auf der Jagd nach etwas zu sein. Der Praktizierende muss einfach nur erlauben und entlassen, ohne sich zu bemühen. Das ist die “Kunst der Mühelosigkeit” in ihrer Essenz. Was auch immer sich zeigt, wir erkennen es an und lassen es los, ohne Anstrengung. Gleichzeitig ermöglicht die Erinnerung des Meditierenden seine Rückkehr zum korrekten Fokus der Meditation. Die Kombination von Aufmerksamkeit und Beständigkeit kann dann eine wachsame Präsenz aufrechterhalten.

 

Wählen wir den Atem als Fokus unserer Meditation, dann müssen wir in dieser Fokussierung unschuldig ohne Streben, offen und aufrichtig bleiben. Damit haben wir ein perfektes Mittel, um die “Kunst der Mühelosigkeit” zu vertiefen. Fokussieren wir uns während der Meditation auf ein bestimmtes Mantra, so benötigen wir die gleiche Grundhaltung. Jedes Mal, wenn unser Bewusstsein von einer mentalen Ablenkung gestört, und von dem Mantra abgelenkt wird, erlauben wir unserem Mitgefühl, diese Ablenkung wahrzunehmen, anzuerkennen und loszulassen. Das Mitgefühl hält in seinem Zentrum die Kraft der Unterscheidung. Die Unterscheidungsfähigkeit ist die kraftvollste Eigenschaft unseres Minds. Wir benutzen die Unterscheidung, um das Fundament unseres Mind, das essentielle Bewusstsein zu beleben, mit anderen Worten, es zu verwirklichen. Im Zustand der Selbstrealisation stellt Unterscheidung den Stützpunkt der Verwirklichung dar und befähigt damit zum Göttlichen Leben. Die Fähigkeit, uns immer wieder auf den Fokus unserer Meditation zu besinnen, ist eine grundlegende Methode für die Entwicklung und das Heranwachsen der Unterscheidungskraft.

 

Aaravindha Himadra